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Director's Note für ›Complete Works: Table Top Shakespeare: At Home‹

Complete Works: Table Top Shakespeare: At Home is a new version of an existing project in which we present the complete works of Shakespeare, using an ordinary table top as a stage and casting everyday objects as the characters. We’ve been presenting this work all over the world since 2015. In this new version of the project the plays are presented at a table in the performers’ own homes – in the kitchen or amongst the books in a bedroom or workspace.

#RemoteResidency
Deepika Arwind

Wir können die Gedanken und Texte anderer Menschen über die Welt und die Zivilgesellschaft lesen. Wir können versuchen, dem kriegsähnlichen Vokabular dieser Zeit eine Sprache entgegenzusetzen, mit der wir unsere Sorge um das Gemeinwohl zum Ausdruck bringen. Wir können unser ‚Wir‘ definieren und Wege finden, diese Definition zu erweitern auch nicht-menschliche Wesen miteinzubeziehen.

ESSENS ENDE

»Wat suchste?« Ein Mann in einem verwaschenen Metal-T-Shirt schaut mir über die Schulter. Er blickt in den Stadtplan, den ich aufgefaltet habe. Ich habe ihn nicht bemerkt, er muss vom Kiosk rübergekommen sein. »Entschuldige, ich bin betrunken. Aber wenn du Hilfe brauchst – ich kenn mich hier aus.

TIERWESEN

Auf dem Rasen im Kaiser-Wilhelm-Park kniet ein junger Mann mit zerzaustem, rotbraunem Haar. Er sieht sich um, wie um sicherzugehen, dass ihn niemand beobachtet. Fast rutsche ich in den Teich, weil ich mich im Schilf verstecke. Es besteht kein Zweifel, dass er es ist: Newt Scamander.

ÜBER DEN ÄQUATOR

Wir stehen auf dem Parkplatz. Mit einem neongelben Stift zieht Beni eine Linie quer durch die Stadt. Als große Karte hat er sie ins Schaufenster der WerkStadt gehängt. Das ist Teil der kleinen Umfrage, die er zum Leben in Katernberg macht. Es dauert keine Minute, dann stellen sich zwei Nachbarn zu uns. 

Zwischen Werden und Sein

Als Writer in Residence sitzt man natürlich nicht bloß auf dem rot gepolsterten Sofa im PACT-Foyer, trinkt in aller Ruhe Limo und kritzelt in sein Notizbuch. Man sitzt auch auf dem blauen Polster in der Straßenbahn, darf offiziell nichts trinken und tippt auf seinem Smartphone. Gern in der Kulturlinie 107, denn die bringt einen von Zollverein ins Essener Zentrum, zu manchen Uhrzeiten sogar ein Stück weiter bis zur Endstation Bredeney im Süden der Stadt. Bredeney ist heute mein Ziel, denn ich möchte herausfinden, wieso die Kulturlinie gerade dort endet. Dafür muss ich allerdings zuvor den Fahrplan-Ticker entschlüsseln.

JURASSIC PARC

Herr Endenich fährt zu schnell. Nervös wie jemand, der entkommen möchte. Vor dem verkorksten Weihnachtsfest, vor den ungeöffneten Umzugskisten, die seine Wohnung verstopfen. Aus dem Kofferraum seines Autos schaut sein Weihnachtsbaum, Anfang Januar noch eingeschnürt in ein grünes Netz und verliert Nadeln.

LONDON 1886

Immer noch bin ich auf der Suche nach Essens Mitte. Nachdem ein Tauchgang im Schwimmbad in Rüttenscheid genauso wenig zum Ziel geführt hat wie eine Google-Suche, habe ich mich mit Exustenia verabredet. Sie ist als professionelle Wahrsagerin im selben Stadtteil aktiv. Wer weiß mehr über eine Mitte als ein Medium?

HOMONYM

Mittellose, denke ich manchmal, werden die letzten sein, die noch mehr als 280 Zeichen lesen. Bücherschränke, das Internet der Straße, bestimmen ihre Lektüre wie für andere Timelines und Tweets. Ein beliebter Bücherschrank steht am Rüttenscheider Stern. Neben einem Taxistand, unter Bäumen, auf denen Tauben nisten, betrachte ich die aktuellen Titel. Wesire und Konsuln. Der leuchtend blaue Faden. Die Entdeckung der Currywurst. Bei dem nächsten Buchrücken muss ich schmunzeln. Die Stadt hinter dem Strom. Der Schrank wird gesponsert, erklärt ein Schild an der Seite, von einem Energiekonzern.